Stueck Erde„Mit welchem Recht beansprucht man dieses Stück Erde für sich, nur weil man das Glück hatte, zufällig hier reingeboren worden zu sein?” — Eine der spannendsten Fragen unserer Zeit. Stellen wir sie doch, weil wir die Hoheit unserer Landesgrenzen über unsere Biografien, über Leben und Tod und über arm und reich in Frage stellen. Weil die kosmopolitische Idee der Überwindung des Nationalstaatensystems im Mainstream als Utopie angekommen ist. Weil globaler Austausch und transnationale Solidarität uns darauf hinweisen, dass es gänzlich die zufällige Lotterie des Lebens ist, die uns zu Privilegierten oder von Bomben gejagten macht und nicht etwa irgendeine ethnische, intellektuelle oder ideologische Überlegenheit, die wir gegenüber schlechter gestellten haben. Kurzum: Sozialistische Ideen, die die ungerechte Verteilung von Zugang zu Privateigentum kritisieren, gepaart mit einem kosmopolitischen Liberalismus sind mittlerweile Teil des Zeitgeistes. Jene, die entweder Angst um ihre unverdienten Privilegien haben, oder die aufgrund ihrer Bildung und Erziehung nicht umhin können, diesen Zeitgeist als bedrohlich oder unverständlich zu empfinden, bilden die konservativ bis rechtspopulistische Gegenthese.

Wer wird gewinnen?

Eine indianische Volksfabel erzählt von einem alten Wolf, der seinem Sprössling berichtet, es gäbe in jedem von uns einen guten Wolf, einen großzügigen, liebevollen, emphatischen, gerechten und ehrlichen, sowie einen bösen Wolf, einen eifersüchtigen, neidischen, geizigen, egoistischen und unehrlichen. Als der junge Wolf, sichtlich bewegt von der Realisierung der Tatsache, dass auch er bereits ebendiesen Kampf in sich erfahren hat, fragt, welcher Wolf denn gewinnen wird, antwortet sein Vater: “Der, den du fütterst.”

Genauso verhält es sich mit unserer Gesellschaft auch. Welches System und welches Verteilungsprinzip “füttern” wir mit unserem Verhalten, unseren öffentlichen und privaten Worten und Taten, unseren Wahlentscheidungen? Welche Vision der Gesellschaft wird gewinnen? Eine inklusive oder eine exkludierende? Eine kritische oder eine ignorante? Eine emanzipatorische oder eine konservativ-hierarchische? Eine humanistische oder eine autoritäre? Die Wahlen um Brexit, den US-Präsidenten und das Präsidialsystem in der Türkei sind ein Indikator dafür, welch Kampf in unserer Gesellschaft herrscht. Beide Seiten heulen so laut sie können und buhlen um Futter. Jeder einzige von uns hat momentan mehr Verantwortung denn je, diesen Kampf mitzuentscheiden.

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